Das Kind als Container

12.1.2025 · 4 Min. Lesezeit

Ein Text über Containment in der Psychotherapie: wie ein Mensch die überwältigenden Gefühle eines anderen aufnimmt und warum die Fähigkeit, fremden Schmerz auszuhalten, mit eigener Kindheitserfahrung verbunden sein kann.

Kategorie
🕎 Psychotherapie
Die Silhouette des Kopfes eines Menschen im Anzug ist mit Stadtgebäuden und Wolken gefüllt.

Metapher eines inneren Raums, der komplexe Erfahrungen halten kann.

Das Kind als Container

DAS KIND ALS CONTAINER

Im Beruf des Psychologen gibt es einen besonderen Prozess, den wir Containment nennen. Ein Mensch bringt Gefühle zum Ausdruck, die ihn überfluten, während ein anderer sie aufnimmt und zu einer Art Container für Emotionen wird, mit denen der erste nicht umgehen kann. Aber was, wenn dieser Prozess nicht nur eine berufliche Aufgabe ist? Was, wenn dahinter auch eine ganze Geschichte aus unserer Kindheit steht, die unsere Wahrnehmung der Welt prägt?

❇️ EMOTIONEN ALS BALLAST UND ALS GESCHENK ❇️

Wir alle kennen Situationen, in denen wir versuchen, für Andere gut zu sein—besonders in Beziehungen, sowohl in Partnerschaften als auch zwischen Eltern und Kindern. Wir nehmen die Gefühle eines wichtigen Menschen auf, versuchen nicht zu reagieren, unsere Müdigkeit nicht zu zeigen und „uns zusammenzureißen“. Am Anfang scheint alles richtig: Wir unterstützen, trösten, saugen die Gefühle des anderen wie ein Schwamm auf. Doch was geschieht danach?

Wenn wir lange in diesem Prozess des Containments bleiben, entsteht Überfüllung. Wir können fremde Gefühle nicht unbegrenzt „aufsaugen“, wenn wir keinen eigenen Raum haben, in dem wir sie wieder loslassen können. Angesammelte Emotionen ohne Ausgang können einerseits unseren eigenen Container vergrößern und damit unsere Fähigkeit, Gefühle anderer zu halten; andererseits führen sie zu Phasen intensiver Entladung. Bei negativen Emotionen erinnert das teilweise an jene 🔗Schattenstimmungen🔗.

❇️ CONTAINMENT ALS PROFESSIONELLER PROZESS ❇️

Dieser Mechanismus wirkt nicht nur in persönlichen Beziehungen, sondern auch in der psychotherapeutischen Praxis. Der Therapeut beginnt, die Emotionen des Patienten zu „containern“. Besonders deutlich wird das bei Menschen mit chronischem Stress, Aggression oder instabilen Beziehungen.

Ein Beispiel:

Eine unserer Kolleginnen, eine erfahrene Therapeutin, fühlte sich in der Gegenwart einer Borderline-Patientin vollständig gelähmt. Deren Alltag zerfiel unter chronisch sadomasochistischen Beziehungen zu Männern, Ausbrüchen körperlicher Aggression, Instabilität am Arbeitsplatz und Bulimie. In den Sitzungen hing die Patientin im Sessel, klagte wütend über alles in ihrem Leben, sprang von einem Thema zum nächsten und sprach monoton, ohne die Therapeutin anzusehen. Die Therapeutin spürte, wie diese endlosen wechselnden Klagen sie erschöpften, und empfand intuitiv Ärger über das düstere, passive, implizit überhebliche und arrogante Verhalten der Patientin.

Die Patientin beschrieb ihre Mutter als grandios, egoistisch, arrogant und abweisend und vermittelte in ihren Klagen, dass die Therapeutin sich genauso wie die Mutter verhalte, solange sie nichts tue, um ihr tägliches Leiden zu verändern. Erst die innere Untersuchung der stabilen, intensiven Gegenübertragung führte die Therapeutin zu der Einsicht, dass die Patientin sich ihr gegenüber so verhielt, wie ihre eigene Mutter sich der Patientin gegenüber verhalten hatte. Dadurch konnte die Therapeutin die dominante Übertragungssituation analysieren und den endlosen Strom der Beschwerden transformieren.

— YeomansClarkin u. a., 2024, S. 204

Doch was bringt einen Menschen überhaupt in den Beruf des Psychotherapeuten? Viele fragen sich, wie man Tag für Tag die Probleme anderer anhören kann. Es gibt sogar die grobe Analogie zur Prostituierten oder zu einem Menschen, auf den alle ihre Probleme abladen, sich danach gereinigt fühlen und gehen. Könnte der Psychotherapeut also einfach der Mensch mit dem größten Container im Gebäude sein? Könnte die Fähigkeit zum Containment direkt mit der Stärke des Schattens—den Impulsen des Es—zusammenhängen, und diese Verbindung wiederum mit schwierigen Bedingungen in der Kindheit, etwa präödipalen Traumata?

Könnte jemand schon früh erkennen, dass er derjenige sein kann, der aufnimmt, unterstützt und zugleich Distanz bewahrt? Müssen Psychologen zuerst unbewusst die Emotionen ihrer Umgebung „containern“, bevor sie ihre Rolle erkennen? Ist es bedeutsam, dass wir irgendwann im Leben auf einen Zustand starker Überlastung stoßen? Wie Nancy McWilliams schrieb:

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, schizoide Menschen seien kalt und gleichgültig. Sie können sich sehr um andere kümmern und zugleich geschützten persönlichen Raum benötigen. Manche fühlen sich zur Psychotherapie hingezogen, wo sie ihre außergewöhnliche Sensibilität auf sichere Weise in den Dienst anderer stellen. Allen Wheelis (1956), der sich vermutlich selbst als schizoid erlebte, schrieb eindrucksvoll über Reize und Gefahren einer analytischen Laufbahn und darüber, wie Menschen mit inneren Konflikten um Nähe und Distanz sich zur Psychoanalyse hingezogen fühlen können. Als Analytiker lernt man andere intimer kennen als fast jeder andere Mensch, während die eigene Selbstoffenbarung innerhalb vorhersehbarer professioneller Grenzen bleibt.

— Nancy McWilliams2015, S. 288

💬 EINLADUNG ZUM NACHDENKEN 💬

Was meint ihr: Kommen Menschen gerade deshalb in den Beruf der Psychotherapie, weil sie solche Erfahrungen des Containments gemacht haben? Was zieht einen Menschen in diesen Beruf? Hängt der Schatten mit der Fähigkeit zum Containment zusammen? Über den Schatten sprechen wir im nächsten Artikel.

#Containment #Übertragung #Gegenübertragung


Quellen

  1. Yeomans F. u. a. Transference-Focused Psychotherapy for Borderline Personality Disorder: A Clinical Guide. Russische Ausgabe, Moskau, 2018. 498 S.

  2. McWilliams N. Psychoanalytic Diagnosis: Understanding Personality Structure in the Clinical Process. Russische Ausgabe, Moskau: Klass, 2015. 592 S.


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FAQ

Fragen zum Artikel

01Was bedeutet emotionales Containment in der Psychotherapie?

Es ist die Fähigkeit, intensive Erfahrungen aufzunehmen, zu reflektieren und in erträglicherer Form zurückzugeben. Gemeint ist Kontakt mit Grenzen und Reflexion, nicht grenzenloses Aufsaugen fremder Gefühle.

02Wie kann Gegenübertragung zum Verständnis des Klienten beitragen?

Anhaltende Reaktionen können zeigen, wie sich Beziehungsmuster in der Therapie wiederholen. Sie müssen untersucht statt ausagiert und bei Bedarf supervidiert werden.

03Führt eine schwierige Kindheit zwangsläufig in den Psychotherapeutenberuf?

Nein. Der Text stellt die mögliche Verbindung von früher Erfahrung, Sensibilität und Berufswahl als Frage, nicht als nachgewiesene Regel.

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