Narziss saß vor dem Spiegel
Narziss saß vor dem Spiegel,
Doch sah darin nur Menschen.
Sie kämpften und sie schrien, betrankten sich am Abend vor Kummer,
Sie beteten, weinten, liebten,
Freuten sich am Leben, dann trauerten sie…
Und lebten so, wie man es ihnen beibrachte,
Wie man sie erzog, wie man sie großzog.
Niemand ist an irgendetwas schuld —
Die Ordnung schreibt ihr eigenes Drehbuch.
Pest und Hunger — kein Hindernis!
Das Hindernis ist: Wie legt man die Rüstung ab?
Wie findet man sich selbst in der Not?
Verliert sich nicht im ganzen Trubel?
Wie lebt man dieses Leben — und findet darin Sinn?
Nicht über das Leben herrschen und nicht von ihm abhängen?
Wie nimmt man an, was kommt,
Und lässt los, was geht?
Antwort suchte er in den Spiegeln,
Doch im Spiegelbild — nur „Ich“.
Doch „Ich“ zerfiel in Teilchen,
Und jener Silberbelag —
Ein Korridor des Spiegellebens —
Führte ihn nur aufs Schafott.
Die Last des Bewusstseins — das ist Fakt!
Und du, du Dummkopf, Einfaltspinsel, Kauz,
Du kommst nicht durch — dort ist ein Siegel!
Der Henker lässt dich nicht vorbei — schwirr ab!
Leb wie alle und „trink bis zum Grund“,
Das Leben hat doch noch genug Tage.
Fragen zum Artikel
01Was sieht Narziss im Spiegel?
Zunächst sieht er nicht sich selbst, sondern Menschen, die so leben, wie man es ihnen beigebracht hat; dann führt ihn die Suche in den Spiegeln zu seinem eigenen „Ich“ zurück, das in Teile zerfällt.
02Was erweist sich im Gedicht als das eigentliche Hindernis?
Nicht Pest und Hunger, sondern die Notwendigkeit, die Rüstung abzulegen, sich selbst zu finden, sich nicht im Alltagstreiben zu verlieren, Sinn zu finden und das Kommende anzunehmen sowie das Gehende loszulassen.
03Wohin führt die Suche nach einer Antwort in den Spiegelbildern?
Der Held gerät in einen Korridor des Spiegel-Lebens, in dem das zersplitterte „Ich“ und der Druck, wie alle anderen zu leben, die Selbstsuche in einen tragischen Konflikt verwandeln.
