Ein schwarz-goldenes menschliches Profil mit goldener Träne und Farbfragmenten im Gesicht.

Ein lebendiger Blick hinter der Maske formaler Anforderungen.

Jenseits des akademischen Schreibens. Teil 1

11.9.2025 · 5 Min. Lesezeit

Jenseits des akademischen Schreibens. Teil 1. Über den Moment, in dem ein lebendiger Text beginnt, sich der Form zu unterwerfen und sein Blut verliert.

RubrikNotizen
Kategorie
🛐 Über Hochschulbildung

Jenseits des akademischen Schreibens. Teil 1

🅰 DER BEGINN DER VERZERRUNG 🅰

Die Wissenschaft hat ihre eigenen Etappen. Da ist die Idee — ein Lichtblitz. Da ist das Schreiben — ein Weg zwischen den Zeilen. Da ist die Erprobung — ein Austausch von Gedanken. All das ist lebendig, fließend, wirklich. Doch dann kommt diese eine Phase. Genau die, in der alles trüber zu werden beginnt. Die Phase, die Textkorrektur heißt. 📉

Und genau hier beginnt etwas Seltsames ...

Hier werden jene merkwürdigen Wesen geboren: leicht gebeugt, in kleinen Schritten gehend, den Blick irgendwo nach innen gerichtet. Sie sind wie die Gemeinde eines neuen Gottes, dessen Name nicht mehr Dionysos ist. Ihr Gott heißt Diskurs.

Ihre Sprache knirscht wie Kreide auf einer oxidierten Tafel. Ihre Schritte hallen durch die leeren Flure der Fakultäten. Sie sehen nur Punkte, Kommas und korrekt gesetzte Quellenangaben, aber nicht den lebendigen Gedanken. Bücherstaub hat sich auf ihre Schultern gelegt.

Und das alles, weil das Blut verschwunden ist. Das Blut des Textes. Sein Geist.

Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut — und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist. Es ist nicht leicht, fremdes Blut zu verstehen: Ich hasse die müßigen Leser.

— Friedrich Nietzsche

🅰 IN DEN TEXT GESETZT 🅰

Wenn du einen Text zum zwanzigsten Mal überarbeitest, ihn in das GOST-Format presst, Überschriften und Literaturverzeichnis erneut abgleichst — was wirst du dann?

Deine Muse verlässt dich.

Und es scheint, als würde irgendwo dort, hinter einer Ecke deiner inneren Stimme, schon jemand hinter dir herflüstern:

Hör zu, Poet, deine Muse scheint irgendein unbekanntes Tier zu sein … Sie ist eine Kopie von Trippie Redd, aber leider nicht wegen der Dreads. „Kleine“ kann man sie kaum nennen: Ihre Schultern sind eine ganze Klafter breit, und ihre Augen sitzen tief wie Gefangene in einem Zindan.

— Oxxxymiron«В долгий путь», 1. Runde, 17ib

Und das nicht nur im wörtlichen Sinn, als wären die Augen tief in den Höhlen versunken. Nein — man setzt dich hinein. Man setzt dich in den Text. 🧑‍🏫

🜃 Deine Augen, die früher frei über die Welt glitten, senken sich nun nach unten, ein wenig nach innen. Eine fast unmerkliche Veränderung — wie ein Reflex, wie eine feine Anpassung. Der Körper lernt anders zu sehen: nicht den Raum, sondern einen Punkt. Nicht zu überblicken, sondern herauszusuchen. Nicht zu leben, sondern abzugleichen.

🅰 DIE GEFÄNGNISZELLE DES WISSENS 🅰

Diese winzige Veränderung der Augenbewegung verändert alles: Deine Freiheit verengt sich. Du siehst nicht mehr das ganze Bild der Wirklichkeit. Du wirst an den Buchstaben, das Komma, die leere Formalität gekettet.

So beginnt die Verwandlung: Eine kleine Bewegung des Körpers antwortet auf das Sein. Und das Sein schmilzt im Gegenzug das Schicksal um.

Man hat dich eingesperrt. Wegen des Textes. Du bist zum Gefangenen in der Zelle deiner eigenen Seiten geworden.

Und dann rutschst du in den Rachen eines toten akademischen Gottes. Eines Gottes, der nur korrigierte Zeilen und makellose Fußnoten verlangt. Der den Gedanken die Haut abzieht, bis nur noch ein kaltes Skelett übrig bleibt. 🎭

Aber man kann noch entkommen.

Wenn ich von Pathos auf Ratio umschalte, denke ich: Als zukünftiger Lehrender muss ich das erklären können und mich selbst bis zu einem gewissen Grad an Diskurs, Dogmen und Standards halten.

Auf der anderen Seite werde ich als Therapeut mit Menschen arbeiten, die unter anderem dadurch neurotisiert wurden, dass Selbstzensur auf verschiedenen Ebenen überzogen wurde.

Wie überall kommt es auf die Balance an.

Oben habe ich eine bewusst polarisierte Extremform des akademischen Diskurses gezeigt.

Und dennoch behaupte ich — Nietzsche paraphrasierend, der einmal sagte, er würde nur an einen Gott glauben, der tanzen könne —, dass ich nur an einen Dozenten glauben und nur den Ideen eines Professors folgen werde, der tanzen kann. Ich werde nur zu einem Therapeuten gehen, der tanzen kann.

Hört, was Abraham Maslow schrieb:

Sie hatten weniger Angst vor ihren eigenen Gedanken, selbst wenn es dumme, verrückte oder „psychopathische“ Ideen waren. Sie fürchteten weniger, dass ihr Verhalten verspottet oder missbilligt werden könnte. Sie konnten zulassen, dass Emotionen sie überwältigten. Durchschnittliche und neurotische Menschen dagegen errichten eine Mauer, die sie vor einer Angst schützen soll, die größtenteils in ihrem Inneren liegt. Sie kontrollieren, unterdrücken, verdrängen und bauen Verteidigungslinien. Sie missbilligen ihr inneres Selbst und erwarten dasselbe von anderen.

— Abraham Maslow“Toward a Psychology of Being”, S. 173

Und nun stelle ich mir für einen Moment eine neurotische Persönlichkeit vor, die Macht besitzt — auch pädagogische Macht, die Macht, auf die Köpfe junger Studierender einzuwirken. Neurotisierte Persönlichkeiten vervielfachen, wenn sie Teil des Bildungssystems sind, gemeinsam neurotische Muster Jahr für Jahr durch Tausende neue Studierende, während Therapeutinnen und Therapeuten diese Neurosen individuell behandeln und natürlich in wesentlich kleineren Zahlen. Als Therapeut kann ich dazu schlicht nicht schweigen, denn auch das gehört zu den gemeinsamen Bemühungen, der psychischen Gesundheit zu dienen. Ich habe keinen hippokratischen Eid abgelegt, aber ich glaube an die Kraft der Psychologie als Wissenschaft und Praxis bis in die Grundlagen meines Daseins hinein.

Das ist in aller Kürze der Grund, warum man über diese andere Seite sprechen muss ...

🅰 FORTSETZUNG FOLGT 🅰

Im zweiten Teil sprechen wir über das Tempo des Denkens, die Kontraste zwischen Machiavelli und Nietzsche und darüber, wie Musik und Rhythmus Kraft hervorbringen können. Bis bald.

Quellen 📚

  • Maslow A. Toward a Psychology of Being / aus dem Englischen übersetzt von A. P. Khomik. Moskau: Akademicheskiy Proekt, 2022. 275 S. (Psychological Technologies: Social Psychology).
FAQ

Fragen zum Artikel

01Wie können akademische Korrekturen einem Text den lebendigen Gedanken entziehen?

Das geschieht, wenn Format, Quellenangaben und Zeichensetzung nicht mehr der Klarheit dienen, sondern zum Selbstzweck werden. Der Autor beschreibt ein Extrem, in dem sich die Aufmerksamkeit auf Formalitäten verengt und ursprüngliche Idee, Stimme und emotionale Energie unsichtbar werden.

02Lehnt der Autor akademische Standards ab?

Nein. Er erkennt an, dass Forschung und Lehre Regeln, Genauigkeit und einen gemeinsamen Diskurs brauchen, fordert aber Balance. Die Form soll einen Gedanken verständlich machen, nicht die Freiheit des Denkens und den lebendigen Inhalt unterdrücken.

03Was bedeutet das Bild eines Professors oder Therapeuten, der tanzen kann?

Tanz ist eine Metapher für Flexibilität, körperliche Lebendigkeit und die Freiheit von einer einzigen Dogmatik. Der Autor vertraut Fachleuten, die Form beherrschen und zugleich mit Emotion, Spontaneität und dem ganzen Menschen verbunden bleiben.

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