Jenseits des akademischen Schreibens. Teil 2
Wie Machiavelli in seinem Fürsten zeigt, lassen sich selbst die wichtigsten und gefährlichsten Gedanken in einem hellen, schnellen Tempo vortragen — Allegrissimo. Dieser Kontrast, diese Dynamik, ist das Wesen lebendigen Schreibens. 🎶 Genau das ist ein Tempowechsel: eine scharfe Wendung, wie in der Musik oder beim Antritt eines Sprinters — und damit der erste Schritt zur Flucht. Denn wenn der Akademismus dich gefesselt hat, kann gerade der Rhythmus dich befreien, wie ein Beat mit 140 BPM. 🤘
Auch bei Nietzsche ist mitten im Sturm der Vernunft immer Platz für ein Fest:
Mir liegt Machiavellis Tempo nahe, der in seinem Principe (Der Fürst) die trockene, reine Luft von Florenz atmen lässt; der gezwungen ist, die ernstesten Dinge in einem unbezähmbaren Allegrissimo vorzutragen — vielleicht nicht ohne ein schelmisch-künstlerisches Gefühl für den Kontrast, den er wagt: lange, schwere, strenge, gefährliche Gedanken — und das Tempo eines Galopps! Und dazu die heiterste Stimmung.
Gerade dieses Tempo, dieses Halbspiel und diese Halbphantasie halfen mir, beim Schreiben wissenschaftlicher Texte nicht auszubrennen. Wenn du merkst, dass die Gedanken in Schablonen feststecken, reicht es manchmal, den Rhythmus zu wechseln. Vielleicht sogar verrückt zu werden — aber bewusst. 💡
🅰 DAS TEMPO DES DENKENS: VON FLORENZ BIS ZUR PSYCHOSE 🅰
Ein imaginärer Dialog. Ein junger Doktorand lernt seinen Betreuer kennen und erzählt von sich:
Betreuer:
Du bist „weit entfernt von Tschapajew, also lern verdammt noch mal die Grundlagen!“ 🎶
Willst du Gorgorod abfackeln — Notre-Dame de Paris?
Deine Theorien sind schizo wie bei Guattari!
Doktorand: Ich bin voller Kraft. Ich will einen Handballrekord aufstellen!
Betreuer:
Was für ein Handballrekord?
Pass lieber auf, dass du nicht verhungerst: Konzerne, Pharma, Gurus treiben die Preise hoch — bei den Summen würdest du ausr...!
Doktorand: Und was ist mit Curling, Golf und der Rennbahn?
Hat das alles jeder vergessen?... da will man ja aus dem Fenster — Jegor Pogrom 😒
Betreuer:
Natürlich! Dachtest du, du wärst ein cooler Biber, ein trendiger Bo Burnham?
Dein Ego, dein Testgelände — eine Fälschung, kein Original.
Du bist Mormone, ich bin Guru — dein Ferdinand Demara... Also, bist du dabei? 🎶
........
3 JAHRE SPÄTER
Gedanken eines noch lebenden Doktoranden, der seine „Schizo-Theorie“ nicht aufgegeben und die ganze Weisheit der gelehrten Herren angenommen hat — eine mächtige Mischung. Stell dir vor: Er tritt aus seiner Alma Mater, erfüllt von tiefem Wissen (hat aber immer noch keine Grammatik gelernt 🧹), schaut auf die Welt und spricht in seinem Herzen: (schnell lesen, im Galopptempo, wie 140 BPM)
—
Vielleicht lügt die populäre Wissenschaft? Und vielleicht wird nach meinem Tod kein ungebildeter Priester für mich singen?
Meine Begegnung mit dem Tod ist Ehebruch.
Wenn ich das Leichenschauhaus verlasse, braucht sie einen Geburtshelfer.
Luzifer, Kapital, der Tod unter mir — Bukephalos.
Danse macabre und Charon: vom Schiff direkt zum Ball.
Was liegt hinter der Grenze? Dichte Finsternis,
wie bei Cousteaus Expedition — alles versinkt im blauen Abgrund.
Oder Karma führt Buch: welche Runde Samsara ist das?
Dummkopf, Neuling, Nowiop — na und?
Und Husky–Feduk in der Hölle auf Repeat, und mein Leichnam — MaddyMurk,
ein blasser Schatten im Sarg, wie Bely Andrey.
Die Hölle ist mein Petersburg, wo Beglow der Heilige Geist ist.
Oder ein Quantentrick schleudert dich wieder in Träume:
Du erwachst als Nachtfalter, wie Zhuangzi.
Der Pathologe, wie Jean-Claude in seinem blutigen Sport,
macht sich über dich her und wühlt in den Eingeweiden nach der Seele. 🎶
(Hier stellt der Doktorand, mit Wissen beladen, Fragen nach dem Sinn des Lebens. Er glaubt nicht... und begründet es genauso, wie man es ihm beigebracht hat: so, dass es niemand versteht, aber klug aussieht.) Doch auch das erkennt er und spricht weiter in seinem Herzen:
Wenn es so ist, dann wenigstens: „Erinnere dich an den letzten Kuss, den letzten Min... Oh, wie vulgär... Aber
diesen Gabeln entgeht keiner, sagt jeder moderne Genetiker“ 🎶
Das ist unsere Genesis, wie Kidnapping.
...DANN BESCHLEUNIGT SICH DAS DENKTEMPO — DIE PSYCHOSE NÄHERT SICH!
Ich trete in die uralte Finsternis und summe „Macarena“.
Ich bin nicht auf Roizmans Laufrunde, aber verdammt, ich sehe den Bürgermeister.
Ich bin kein Castaneda mit Don Juan, aber ich sehe den Guru.
Als hätte ich Barbiturate genommen: Der Grieche steckt die Hand in den Fluss. 🎶
Doch er hält an. Schon vor der Promotion hatte das Leben ihn an den Rand geführt. Und er kann, fast wie jeder Grenzgänger, am Rand stehen bleiben. Dieses gedankliche Wandern über unbestelltes Gelände garantiert, dass man dir, lieber Leser, keinen drittklassigen Jessenin-Remix 🎶 andreht und keine abgedroschene Banalität verkauft — nichts, was man einfach googeln kann. Zum Beispiel: „Wie arbeitet man mit Klienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung?“ ... Ha... nun ja... viel Glück, wenn du dich bei der Arbeit mit ihnen ausschließlich auf Theorien stützen willst. 🧑🔬🔖
🅰 TOTE PRÄZISION 🅰
Aber was ist mit denen, die nach Regeln schreiben? Mit denen, die den Gedanken vom Leben selbst reinigen und nur eine sterile, leblose Hülle übrig lassen? Wörter im akademischen Schreiben werden „tot“: Sie verlieren ihre Beweglichkeit, werden hart und gefühllos. Sie verwandeln sich in... einen Begriffsapparat. Apparat... Apparat...
Und genau hier beginnt die Tragödie: Die Wörter werden fehlerlos, aber es gibt nichts mehr, womit man sie füllen könnte.
Ja, viele bewundern die Präzision und Klarheit akademischen Schreibens, doch die Wörter treffen die Seele nicht, berühren das Herz nicht und werden zu etwas wie toten Körpern, denen der Atem fehlt.
Wer nach diesen Regeln schreibt, wird zum Bibliothekar, zum Korrektor. Man erblindet am Bücherstaub, verirrt sich in der Gefangenschaft von Genauigkeit und Tippfehlern. 🔬
🅰 DISKURS — DER NEUE GOTT DES AKADEMISMUS 🅰
Und dann kommt ein neuer Gott — der Diskurs. Er schwächt wie alte Folklore, wie ein Ritual, das zur leeren Formalität geworden ist. Der Diskurs ersetzt Demiurg und Dionysos: ein steriler, unfruchtbarer Gott der akademischen Welt. An die Stelle der ungezügelten Kraft des Dionysos tritt müde, tote Ordnung. 🏛️
Wir nehmen an, die Universität sei ein Ort der Kreativität, weil dort unsere besten Köpfe versammelt sind. Wir erwarten von Lehrenden und Studierenden, dass sie ihre schöpferischen Fähigkeiten voll entfalten. Doch auch hier haben wir es mit einer Kreativität zu tun, die sich verwalten und kontrollieren lässt...
Nicht zufällig wurden viele der größten menschlichen Leistungen und grundlegenden Entdeckungen nicht an den besten Universitäten vollbracht, sondern von Menschen, die damals entweder unabhängig oder in kleinen unorthodoxen Institutionen arbeiteten. Beispiele? Einstein, Freud, Gandhi, Marx, Darwin und Edison. Sie arbeiteten entweder selbstständig oder in kleinen temporären Einrichtungen wie Freuds Wiener Institut oder Edisons Labor. Die Ursprünge der modernen bildenden Kunst und Literatur liegen nicht in den Universitäten, sondern in den Avantgardebewegungen zu Beginn des Jahrhunderts, etwa im Bauhaus.
🅰 KREATIVITÄT ODER FÄLSCHUNG? 🅰
So entsteht in einer akademischen Welt, in der alles strengen Gesetzen und Regeln untergeordnet ist, scheinbar kein Raum für lebendige, leidenschaftliche Ideen. Kein Raum für den Schmerz der Veränderung, für Tempo, für emotionale Spannung. Wichtig sind nur fehlerfreie Wörter — nicht das, was sie tragen. 📊 Zum Beispiel geben Doktoranden alle sechs Monate Berichte ab, in denen genau gezählt wird: Sind zwei Artikel veröffentlicht? Sind 30 % des Textes geschrieben? Wurden genug Quellen analysiert? Aber niemand — kein einziges Mal in all den Jahren — fragte nach dem Sinn. Niemand interessiert sich für die Idee, die Absicht, den Schmerz oder die Entdeckung. Hauptsache, das Format stimmt. Den Plan erfüllen. Alles andere gehört nicht in die Berichterstattung. Und das ist nicht Chemie oder Physik — das ist Psychologie!!! Also seien wir ehrlich:
Dein psychologischer Hochschulabschluss ist wie Kirkorows Diplom — ein wertloser Wisch. 🎶❗❗❗😄
Und je lauter der Chor deiner Publikationen wird, desto leiser singt in dir die Stimme des lebendigen Geistes — dieselbe Stimme, die dich einst an der Hand durch Ideen, Wörter und Zeilen geführt hat.
Also entscheide selbst:
Willst du noch eine ordentlich gekämmte Figur im Museum des akademischen Wachses werden? 🕯️
Oder ausbrechen, solange es noch geht — mit zerzausten Gedanken, brennendem Blut und Augen,
die nicht auf den Buchstaben schauen,
sondern auf das grenzenlose Meer des Sinns. 🌊🔥
🅰 FORTSETZUNG FOLGT 🅰
Im dritten Teil sprechen wir über Sinn, über Sprache als Geist und darüber, ob sich lebendige Rede in das akademische Schreiben zurückholen lässt. Bis bald.
Quellen 📚
- Nietzsche F. Kleine Sammlung der Werke. St. Petersburg: Azbuka, 2017.
- Farson R. Management des Absurden. Kyiv: Sofia, 2001.
- Ausschnitte aus Tracks von Oxxxymiron* (mit 🎶 markiert).
- Slava KPSS. Album GORGOROD 2, Tracks „Rave Ezoterika“ und „Slovo Mera 2“ (mit 🎶 markiert).
* In Russland als „ausländischer Agent“ eingestuft.
Fragen zum Artikel
01Wie kann Rhythmus den lebendigen Gedanken im akademischen Schreiben bewahren?
Ein Tempowechsel durchbricht die Monotonie einer Schablone und gibt der Gedankenbewegung Freiheit zurück. Musikalischer Rhythmus, Kontraste zwischen kurzen und schweren Sätzen und unerwartete Wendungen halten die Aufmerksamkeit, ohne den wissenschaftlichen Text auf mechanische Formerfüllung zu reduzieren.
02Garantiert Präzision im akademischen Text einen bedeutungsvollen Inhalt?
Nein. Fehlerfreie Formulierungen und korrekte Berichte können ohne starke Idee bestehen. Der Text kritisiert Situationen, in denen messbare Ergebnisse Fragen nach Absicht, Entdeckung und menschlicher Bedeutung der Forschung verdrängen.
03Warum kann eine kontrollierte akademische Umgebung Kreativität begrenzen?
Wird Kreativität von vornherein Berichten, Quoten und erlaubten Formen untergeordnet, lohnt sich die sichere Wiederholung des Bekannten mehr als das Risiko einer neuen Idee. Das ist Kritik an einem Extrem und keine Behauptung, Universitäten könnten kreative Arbeit grundsätzlich nicht fördern.
