Psychologie unter Verschluss: Brauchen wir dieses Gesetz?
Psychologie unter Verschluss: Brauchen wir dieses Gesetz? 🔒
Aber wovon nährt sich die Seele, Sokrates?
Von Wissen natürlich, sagte ich.
Hüte dich nur, mein Freund, dass uns der Sophist nicht täuscht, indem er das anpreist, was er verkauft, wie Händler und Hausierer, die Nahrung für den Körper verkaufen. Auch sie wissen oft nicht, was an ihrer Ware nützlich oder schädlich ist, preisen aber alles zum Verkauf an; ebenso wenig wissen es die Käufer, außer einer von ihnen versteht sich auf Gymnastik oder Medizin. So ist es auch mit denen, die Wissen durch die Städte tragen und es jedem verkaufen: Sie loben alles, was sie anbieten, obwohl manche vielleicht selbst nicht wissen, ob es für die Seele gut oder schlecht ist. Wenn du weißt, was nützlich ist und was nicht, kannst du Wissen gefahrlos bei Protagoras oder jemand anderem erwerben; wenn nicht, pass auf, dass du nicht das Wertvollste aufs Spiel setzt. Denn beim Erwerb von Wissen ist das Risiko weit größer als beim Kauf von Nahrung.
(Platon, Protagoras) 📚
Dieser antike Dialog zwischen Sokrates und Hippokrates wirkt plötzlich erschreckend aktuell. Im Jahr 2025 befand sich Russland 🇷🇺 in einer historischen Phase der Regulierung psychologischer Tätigkeit. Ohne alle Details auszubreiten — jeder kann den Gesetzentwurf selbst lesen — lag der Hauptstreitpunkt in einer Bestimmung, nach der psychologische Praxis eine einschlägige Hochschulausbildung voraussetzen sollte❗❗❗
Das wurde zum Kern der Debatte, löste starke öffentliche Reaktionen, Diskussionen und sogar Petitionen aus. Die einen sahen darin eine notwendige Schutzmaßnahme, andere eine Einschränkung beruflicher Freiheit. 💬📢
Aber gehen wir tiefer 💡. Warum gibt es in der Physik keine „Paraphysiker“ und in der Chemie keine „Parachemiker“, während in der Psychologie „alternative Spezialisten“ wie Pilze nach dem Regen wachsen 🍄? Valery Viktorovich Petukhov wies schon in den 1990er Jahren darauf hin, dass Wissenschaft wie ein junger Baum 🌳 von Wucherungen überwachsen werden kann, die ihn ersticken. Psychologie ist eine junge Wissenschaft und deshalb besonders verwundbar.
Seien wir offen 👁: Der Markt ist voll von Menschen, die einfach das Schild „Psychologe“ tragen, aber mit Psychologie kaum etwas zu tun haben. Manche absolvieren einen Monatskurs und halten sich für Gurus, andere haben überhaupt keine Ausbildung und beraten „aus dem Bauch heraus“. Mit der Seele eines Menschen arbeiten, ohne eine Ahnung von Psychologie zu haben ❓ Andererseits: Ist ein Diplom alles? Hochschulbildung macht niemanden automatisch zum Profi. Ein echter Psychologe ist nicht nur jemand, der Vorlesungen besucht hat, sondern jemand, der dafür 24/7 lebt — dessen Seele nicht nur mit Wissen besprenkelt, sondern davon durchdrungen ist. Jung schrieb sinngemäß: 🤦🏻
Wer die menschliche Psyche kennenlernen will, wird aus der experimentellen Psychologie allein kaum etwas lernen. Er sollte besser die exakten Wissenschaften verlassen, die Gelehrtenrobe ablegen, sich von der Studierstube verabschieden und mit einem menschlichen Herzen durch die Welt ziehen: durch Gefängnisse, psychiatrische Kliniken und Krankenhäuser, durch trübe Vorstadtkneipen, Bordelle und Spielhäuser, elegante Salons, Börsen, sozialistische Versammlungen, Kirchen, Erweckungsgemeinden und ekstatische Sekten; durch Liebe und Hass, durch Leidenschaft in jeder Form am eigenen Leib. Dort wird er eine reichere Ernte an Wissen einbringen als aus einem fußdicken Lehrbuch und lernen, Kranke mit echtem Verständnis der menschlichen Seele zu behandeln.
(Carl Gustav Jung, in der vom Autor verwendeten Quelle) 📚💡
Aber nicht nur Lebenserfahrung ist wichtig, sondern auch Theorie. Meine wissenschaftliche Betreuerin 🫡 schreibt:
Im Kampf um den enormen gesellschaftlichen Auftrag im Bereich der Psychologie sind heute außer- und randwissenschaftliche Erkenntnisformen aktiv geworden — Pop- und Parapsychologie —, die die Marke der psychologischen Wissenschaft breit und unrechtmäßig zur Vermarktung ihres Produkts nutzen.
(I. A. Mironenko, S. 137) 📚
🌀 Genau darin unterscheidet sich der akademische Psychologe vom Autodidakten. Letzterer probiert alles Mögliche aus, ohne System von Wissen, ohne Logik, Grenzen oder Schule — nicht einmal „Old School“ im Stil von „Bad Cop“, sondern eher „ich bin mein eigener Meister“ ohne Fundament: Burgen im Sand, Insta-Therapists 📸. Ein System von Wissen ist Logos: Ordnung und eine Möglichkeit, Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden. „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“, lautet die bekannte Dostojewski-Formel. Schaut auf Avito — dort gibt es keinen Gott, dort wird alles behandelt! 😄 Und das ist noch freundlich formuliert. Wenn es nach mir ginge, würde ich die strengsten Maßnahmen gegen solche „Heiler“ einführen. Sie verdienen nicht nur am Leid anderer — sie verkaufen leere Worte an Menschen, die verzweifelt Hilfe suchen. Und wenn jemand keine echte Unterstützung erhält und danach etwas Unumkehrbares tut — wer trägt die Verantwortung?
🚨 Aber wie das Stalin zugeschriebene Motto lautet: „Wenn du kritisierst, schlag etwas vor.“ 📢 Deshalb kritisiere ich nicht nur, sondern formuliere meine Position: Professionalität eines Psychologen besteht aus Theorie, Praxis und vor allem persönlichen Eigenschaften. B. G. Ananyev schrieb:
Einen Menschen als Subjekt kennzeichnen nicht nur seine Eigenschaften, sondern auch sein Wissen, seine Fähigkeiten sowie die technischen Mittel seiner Arbeit.
Ein Therapeut ist vor allem ein Mensch, und sein wichtigstes „Instrument“ sind seine persönlichen Eigenschaften. Sie formen sich durch Fragen und Suche ein Leben lang. Und doch bleibt die Frage offen: Brauchen wir wirklich einen Gesetzentwurf, der eine einschlägige Hochschulbildung für Arbeit in Psychologie und Psychotherapie verlangt❓
Brauchen wir klare Regulierung, oder riskieren wir, Eigenart und Tiefe dieses Berufs zu verlieren, wenn wir ihn in starre Grenzen zwingen❓ 📊
Jetzt die Fragen an euch:
🔍 Psychologe ohne Diplom — erledigt? Oder doch nicht? 🎓❓🔎
Wo liegt die Grenze zwischen Amateur und Profi❓ 🔍
Kann Psychologie ohne strenge akademische Ausbildung existieren❓
👁 Reicht es, „durch die dunklen Gassen der Seele zu gehen“, um ein guter Psychologe zu sein❓
🌬 Natürlich ist dieser Beitrag nur die Spitze des Eisbergs 🏔️. In einem Social-Media-Format lässt sich die ganze Tiefe nicht ausdrücken, aber vielleicht bringt uns die Diskussion näher an eine Antwort❓
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Quellen 📚
- Platon. Protagoras.
- Mironenko, I. A. Die biosoziale Problematik und die Entstehung einer globalen Psychologie. Moskau: Institut für Psychologie der RAN, 2019. 406 S.
- Hollis, J. Living Between Worlds. Litres, 2022.
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Lesen 📚:
- Gesetzentwurf über psychologische Tätigkeit in der Russischen Föderation
- Noch einmal darüber, wie unser Wort nachhallt
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Fragen zum Artikel
01Welchen russischen Gesetzentwurf behandelt der Beitrag?
Er behandelt die am 20. Februar 2025 eingebrachte Fassung des Bundesgesetzentwurfs Nr. 846497-8 zur Regulierung psychologischer Tätigkeit einschließlich der Bildungsanforderungen für Psychologen.
02Befürwortet der Autor eine Regulierung des Psychologenberufs?
Er erkennt den Schutz vor unqualifizierter Hilfe als notwendig an und betont Theorie, Praxis und persönliche Eigenschaften, hinterfragt aber übermäßig starre formale Beschränkungen.
03Beschreibt der Beitrag die aktuell geltenden Anforderungen?
Nein. Er diskutiert die Fassung von 2025 und ist keine Rechtsberatung. Der Entwurf wurde später überarbeitet; sein Status ist im Gesetzgebungssystem der Staatsduma zu prüfen.
