Arbeit mit inneren Bildern in der Psychotherapie
Arbeit mit inneren Bildern in der Psychotherapie
Mein Bild
- Juni 2024
Therapeut: Swjatoslaw Anatoljewitsch 💬
Zittern im Körper. Angst. Unruhe.
Ich würde gern mit einem Bild arbeiten.
Das Bild dieses Wolfes: große schwarze Augen, feucht von Schmerz und Leiden. Er steht auf einem Feld. Nacht, Sternenhimmel, Vollmond. Das Feld ist von Wald umschlossen. Der Wolf ist traurig.
💬 Beschreibe, wie es vom Wald umschlossen ist.
Ich möchte über diese Grenzen hinaus.
💬 Über welche? Kannst du das Feld beschreiben? Das Bild ist verschwunden.
Und was jetzt?
Ich gehe barfuß durch dichten Nebel über dieses Feld. Der Nebel ist so dicht, dass Tropfen in der Luft zu schweben scheinen. Sie berühren meinen Körper, laufen an ihm zur Erde hinab, und unter meinen Füßen wächst Gras. Das Gras windet sich wie eine Liane um mich und wird zu einer grünen Röhre aus Halmen. Sie drückt mich zusammen. Ich hebe den Kopf und sehe durch die runde Öffnung der Röhre blauen Himmel. Ich will dort hinaus.
Ich klettere hinaus und lehne mich oben aus der grünen Röhre über das Feld. Hoch. Freiheit. Wind. Dann fliege ich zur Stadt. Ich habe weiße Flügel. Dort findet ein Psychologie-Gipfel statt. Ich sitze und beobachte. Ich habe die Augen dieses Wolfes. Auf der Bühne spricht ein Mensch, aber mit diesen Augen sehe ich noch etwas anderes: Drei Schatten-Phantome stehen neben ihm—links, rechts und dahinter. Durch irgendwelche Röhren oder Kanäle sind sie mit dem Menschen verbunden, sagen ihm, was er tun soll, und flüstern ihm etwas ein. Niemand sieht diese Phantome, aber ich sehe sie mit den schwarzen Augen.
Ein anderes Bild. Ein Bumerang kreist herum und könnte meine Hand verletzen. Ich fange ihn. Ich schaue ihn an, und er wird zu einem Schmetterling. Dann sind es Schmetterlinge—schwarz, mit roten Kreisen auf den Flügeln. Sie fliegen zur Sonne, die sie zu Asche schmilzt. Die Asche fällt auf die Erde, daraus wächst Gras. Dutzende, Hunderte schwarze Schmetterlinge fliegen in die Sonne. Der Himmel ist blau, Asche rieselt auf das Feld. Ich sinke in die Erde und bin wieder im Weltraum [wie bei der Arbeit mit dem Bild mit Julia]. Er ist überall um mich herum. Ich bin in meinem Körper, lebendig, und sehe die Milchstraße. Das sind Seelen auf dem Weg in die andere Welt. Hier ist nicht mein Platz. Ich bin noch in einem menschlichen Körper, ringsum Sterne. Aus dem Nichts tauchen Kiefer auf und bewegen sich auf mich zu. Ich fange sie, halte sie an und überlege, was ich mit ihnen tun soll. Ich stoppe sie, damit sie mich nicht beißen, setze sie in meinen Mund, und sie wachsen fest, als hätte ich vorher keine Zähne gehabt und hätte nun welche.
💬 Und wie ist es jetzt mit den Zähnen?
Angenehm. Ich klappere mit den Zähnen. Wieder der Bumerang. Nein, ich mag diese Zähne nicht.
💬 Was stimmt mit ihnen nicht?
Ich schirme mich von anderen ab. Sie zerstören alles. Durch diese Zähne scheint niemand zu meiner Seele durchzukommen. Ich presse sie mit aller Kraft zusammen. Sie zerbröseln. Alle Krümel fallen heraus. Anstelle der Zähne bleiben Splitter. (Siehe Traum vom 25. April.) „Ich muss lernen, ohne Zähne zu leben. Ich muss versuchen, ohne Zähne zu leben.“
💬 Was siehst du jetzt?
Einen Stift, blaue Tinte. Ich schreibe in ein großes altes Buch. Dort stehen schon Zeichen und Texte, aber ich blättere um und schreibe auf eine leere Seite: „Der Animus war immer in mir.“ Ich verstehe den Sinn dieses Satzes, lache, und werde aus dem Bild „herausgeworfen“.
Ich sehe Menschen vor mir sitzen.
💬 Was für Menschen?
Gute Menschen. Ich bin froh, dass ich niemanden beißen muss. Mitten im Raum steht ein Fass mit schwarzer Flüssigkeit. Ich denke, ich muss sie ausgießen. Ich gieße sie aus.
💬 Wohin?
Aus dem Fenster auf die Straße.
💬 Und was ist draußen?
Ich sehe eine Pfütze aus diesem schwarzen Öl und schäme mich ein wenig, weil ich Schmutz gemacht habe. Ich wollte, dass das Fass sauber ist, aber es ist schmutzig. Erst wasche ich es im Raum, dann gehe ich damit zur Toilette. Es könnte anderen Menschen noch nützlich sein. Es ist groß und passt nicht ins Waschbecken. Ich bin müde. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn.
Ich gehe hinaus. Sonne. Ich denke, dass es genug Menschen gibt, die diese Arbeit zu Ende bringen können.
💬 Welche Arbeit?
Das Fass fertig waschen.
Ich beiße in einen Apfel—saftig, lecker.
Der Bogen von Tiva (Gedanken an Nietzsche). Ich spanne den Pfeil. Er fliegt um die ganze Erde und zeichnet dabei eine Kreisbahn. Dieser Kreis wird zu einer Schlinge. Drei Schlingen auf einem Schafott: eine etwas höher, zwei tiefer links und rechts. Schlingen für jene, „die hier keinen Platz haben“. Eine mittelalterliche Stadt—diese Schlingen sind für die drei Menschen, für die drei Phantome.
💬 Welche Emotion?
Wut. Man kann sie nicht töten oder hängen, sie sind ja nicht materiell. Sie lachen mich aus.
💬 Wie sehen die Phantome aus? Wenn sie lachen—womit lachen sie?
Zähne. Dieselben Zähne. Ich werfe sie in das Fass und rühre um.
💬 Und wie ist das?
Sie vermischen sich im Fass. Sie stören mich nicht. Sie grinsen. Sie passen nicht hinein. Sie werden nicht geboren. Sie werden nicht geboren!
💬 Was siehst du jetzt?
Einen Mutterleib. Eine Frau versucht, ein Kind zur Welt zu bringen. Ein kleines Kind in meinen Armen schaut mich mit blauen Augen an.
Und dafür… [ich weine]… „Dafür lohnt es sich zu leben!“
💬 Wie ist dein Zustand?
Schmerzhaft und freudig zugleich.
💬 Können wir hier aufhören?
Ja.
Fragen zum Artikel
01Was für eine Aufzeichnung psychotherapeutischer Bildarbeit ist das?
Es ist das persönliche Protokoll einer Sitzung vom 16. Juni 2024, in der sich innere Bilder durch Aufmerksamkeit und Fragen des Therapeuten verändern. Der Text dokumentiert Erfahrung und ist keine Anleitung zur Selbsthilfe.
02Wie entfaltet sich die Bildfolge?
Auf Wolf und umgrenztes Feld folgen Nebel, Pflanzen, Flug, Phantome, Schmetterlinge, Zähne, Buch und Kind. Mit ihnen wechseln Körperempfindungen und Gefühle zwischen Angst, Wut, Schmerz, Freude und Freiheit.
03Lassen sich die Symbole mit einem universellen Wörterbuch deuten?
Das behauptet der Text nicht. Bedeutung entsteht in der konkreten Sitzung aus Assoziationen, Empfindungen und Dialog; dasselbe Bild kann für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeuten.
