Selbsthingabe
Das Prinzip „Geben heißt Empfangen“ zeigt sich auch in anderen Bereichen menschlicher Beziehungen. Der Lehrer lernt selbst von seinen Schülern, der Künstler wird vom Publikum inspiriert, und der Psychoanalytiker erhält seine psychische Gesundheit durch die Patienten—vorausgesetzt, keiner behandelt den anderen als Objekt und die Beziehung bleibt aufrichtig und produktiv.
Es muss kaum betont werden, dass die Fähigkeit zu lieben als Akt der Selbsthingabe vom Entwicklungsstand und Charakter eines Menschen abhängt. Diese Fähigkeit verlangt eine produktive Orientierung. In einer solchen Orientierung überwindet der Mensch die Abhängigkeit von narzisstischer Selbstbewunderung, den Wunsch, andere auszubeuten, und das Streben nach Anhäufung. Er gewinnt Vertrauen in seine eigenen menschlichen Kräfte und den Mut, sich bei der Verfolgung seiner Ziele auf sie zu verlassen. Fehlen diese Eigenschaften, fürchtet der Mensch sich davor, sich selbst zu geben—und damit davor zu lieben.
Kategorie: Ideen über Beziehungen
Fragen zum Artikel
01Was versteht Erich Fromm unter Selbsthingabe in der Liebe?
Sie ist die aktive Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Wissen, Fürsorge und lebendige Gegenwart zu teilen, ohne den anderen zum Objekt zu machen. In einer produktiven Beziehung verändert sich auch der Gebende durch den Kontakt.
02Wie unterscheidet sich Selbsthingabe von Selbstaufopferung?
Bei Fromm beruht sie auf innerer Stärke, Freiheit und produktiver Orientierung, nicht auf der Auflösung eigener Grenzen. Ausbeutung, Abhängigkeit und Horten widersprechen reifer Selbsthingabe.
03Warum kann ein Mensch Angst haben, sich hinzugeben?
In der zitierten Sicht hängt die Angst mit mangelndem Vertrauen in die eigenen menschlichen Kräfte zusammen. Ohne innere Stütze kann Offenheit als Verlust statt als fruchtbarer Austausch erlebt werden.
