Was ist nun eigentlich mit dem Gesetzentwurf?

Was ist nun eigentlich mit dem Gesetzentwurf?

5.4.2025 · 4 Min. Lesezeit

Was ist nun eigentlich mit dem Gesetzentwurf? Eine polemische Reflexion über die Regulierung psychologischer Praxis, die Rhetorik des Kampfes gegen Scharlatane und die Frage, wer Zugang zum Beruf haben soll.

RubrikNotizen
Kategorie
⚛️ Wissenschaft und Psychologie

Was ist nun eigentlich mit dem Gesetzentwurf?

Was ist nun eigentlich mit dem Gesetzentwurf?

❇️ WIEDER EIN KRIEG UM SEELEN ❇️

„Scharlatane, von denen es inzwischen mehr gibt als verwilderte Hunde, werden von Menschen mit verletzter und verletzlicher Seele ferngehalten.“

— N. A. OstaninaAbgeordnete der Staatsduma

Der Gesetzentwurf zur Regulierung psychologischer Tätigkeit steht erneut im Zentrum der Diskussion. Eigentlich ist das Thema längst alt — und doch verschwindet es merkwürdigerweise nicht. Denn es geht nicht bloß um Papier. Es geht um die Grenze zwischen Wort und Macht, Wissen und Simulation, Lebendigem und Totem.

Wer verstehen will, warum das für mich nicht nur ein bürokratischer Streit, sondern ein Ereignis historischen Ausmaßes ist, landet genau hier: beim Sinn des Berufs, beim Dilemma der Diplome und bei den dunklen Gassen der Seele. Hier geht es um französische Erfahrungen und Bourdieu, der ähnliche Fragen längst durchlebt hat. Und um eine Zukunft, in der Psychologen möglicherweise durch Algorithmen ersetzt werden.

📍Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Alle drei Zeiten sind hier. Alles läuft in diesem Punkt zusammen.

❇️ WER IST ALSO DAGEGEN? ❇️

Der Entwurf sagt: Nur Menschen mit einschlägigem Hochschulabschluss sollen in den Beruf. Wer lediglich eine berufliche Umschulung hat, bekommt drei Jahre für eine zusätzliche Ausbildung. Klingt zunächst logisch.

Doch zwei Fragen bleiben.

Erstens: Was geschieht mit Zehntausenden Praktikern, die keinen solchen Abschluss haben, aber Klienten, Erfahrung, Ergebnisse und tägliche Therapiearbeit an der Front menschlichen Leidens?

Zweitens: Warum bleiben diejenigen, die wir Esoteriker, Heiler, Regressionspraktiker usw. nennen, außerhalb des Spiels? Das Gesetz erreicht sie nicht. Reguliert werden gerade jene, die wenigstens versuchen, sich innerhalb wissenschaftlicher Grenzen zu bewegen.

Damit bleiben ausgerechnet die „verwilderten Hunde“ frei — während diejenigen, die tatsächlich arbeiten, unter Druck geraten. Wo ist die Logik?

❇️ PSYCHOLOGEN IM ABO-MODUS ❇️

Ich kenne Kollegen, die fünf oder sechs Klienten am Tag sehen. Sie unterschreiben keine Petitionen. Sie kommentieren keine Posts von Abgeordneten. Sie erklären nicht ständig, warum das alles schlecht ist.

Sie haben schlicht keine Zeit.

Denn wenn du den ganzen Tag im Gespräch mit fremdem Schmerz verbringst, bleibt kaum Aufmerksamkeit für einen „Berufsstandard“.

Wenn du einem Menschen zuhörst, der Gewalt überlebt hat, einem anderen, der seine Aggression gegenüber dem eigenen Kind nicht stoppen kann, einem dritten, der Angst vor seinem eigenen Leben hat — und fünfzig Minuten später über die Schuld eines Täters sprichst — dann bist du nicht in einem Forum.

Du bist mitten im menschlichen Leid… mit einer Taschenlampe. ❗🪶

Und an der Oberfläche steigt Dampf auf. Ja, genau der Dampf „über der Suppe“, wie es ein Dichter einmal formulierte.

Ironisch? Sehr.

Aber die Suppe — das sind wir.

❇️ WENN DU DEM REGEN DROHST — WOHIN SCHAUST DU? ❇️

Man kann wütend sein. Man kann schreien: ungerecht!

Aber wenn du Psychotherapeut bist, habe ich eine Frage an dich.

Wie willst du den Schmerz eines anderen halten, wenn du deine eigene Wut nicht halten kannst?

Wenn es regnet und du drohend die Faust schüttelst — wem geht es dadurch schlechter? Dem Regen?

Du bist nicht das Sprachrohr einer Revolution. Du bist ein Container.

Du darfst im Therapieraum nicht zusammenbrechen. Du darfst dich dort nicht zum Opfer machen.

Wenn dich Gesetzgebung zu Boden drückt — wie willst du einen Klienten halten, der unter dem Gewicht seines eigenen Lebens zusammenbricht?

❇️ BRAUCHEN WIR ALSO EIN GESETZ? ❇️

Eher ja als nein. Aber nicht dieses.

Wir brauchen ein Gesetz, das den Klienten schützt, statt neue Hierarchien aufzubauen.

Wir brauchen Bildung — aber nicht bloß Papierbildung.

Wir brauchen Schulen — aber keine Sekten.

Wir brauchen Logos als Orientierung — nicht ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Eintritt nur mit Ausweis“.

Und vor allem brauchen wir Therapeuten, keine Vollstrecker.

Es ist nicht entscheidend, wie viele Papiere du besitzt. Entscheidend ist, ob du bei einem Menschen bleiben kannst, genau dort, wo niemand auf ihn gewartet hat.

❇️ UND DOCH... ❇️

„…und überhaupt: scheiß auf den Battle, ich entwaffne mich; ja, ich bin genauso wie du — ich trinke und zerstöre mich selbst.“ Vielleicht mache auch ich nur Lärm.

Versuche, mich auszusprechen. Jemand zu sein. Meine eigene Wahrheit zu spielen.

Vielleicht bin ich tatsächlich genau dieser Scharlatan.

Nur eben mit ausgeprägter epistemologischer Angst, einer Neigung zum ontologischen Containing und einem stabilen Muster existenzieller Reflexion im Rahmen eines metatherapeutischen Paradigmas. 😉

Und ja, ich weiß, jemand wird sagen: „Verwilderte Hunde, Scharlatane, Welpen…“

Aber wie Garry Topor sagte:

Wir sind definitiv keine Welpen, Bruder — denn Welpen kommen in den Himmel.

— Garry Topor

Und wir bleiben hier.

Arbeiten. Aushalten. Kämpfen.

Für eine Seele. Für ein einziges „Ja, ich schaffe das“. Für einen Morgen ohne Panik.

Diese Information ist wie eine Lawine — die Hälfte davon ist gelogen, aber ihr werdet nie erfahren, welche Hälfte.

— Oxxxymiron

Was denkt ihr selbst — wo ist hier Wahrheit und wo nur Dampf über der Suppe?

#PsychologieUndGesetz #LogosGegenChaos #TherapieInEchtzeit

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FAQ

Fragen zum Artikel

01Welche Position vertritt der Autor zur Regulierung psychologischer Tätigkeit?

Der Autor hält Klientenschutz und berufliche Regulierung für notwendig, lehnt jedoch ein Modell ab, das die Qualität der Hilfe auf eine formale Hierarchie von Abschlüssen reduziert. Berücksichtigt werden sollten Bildung, praktische Kompetenz, Ethik und reale Risiken für Klienten.

02Welche Fassung des Gesetzentwurfs behandelt der Beitrag?

Der Beitrag spiegelt die Debatte vom April 2025 um den föderalen Gesetzentwurf Nr. 846497-8 „Über die Grundlagen der Regulierung psychologischer Tätigkeit in der Russischen Föderation“ wider.

03Beschreibt der Beitrag die aktuell geltenden Anforderungen an Psychologen in Russland?

Nein. Er ist eine polemische Reaktion auf die Fassung des Entwurfs von 2025 und keine Rechtsberatung. Der Entwurf wurde später überarbeitet; aktueller Text und Status sind im System der Staatsduma zu prüfen.

04Warum stellt der Autor dem Diplom die Fähigkeit gegenüber, starke Erfahrungen eines Klienten auszuhalten?

Damit betont er, dass formale Bildung wichtig ist, allein aber keine berufliche Reife garantiert. Der Umgang mit intensiven Emotionen ist ein Teil von Kompetenz, kein Ersatz für Wissen, Ethik oder Ausbildung.

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