Angst
Die Verschiebung auf Funktionen, die weniger verdächtig erscheinen, mit sexuellen Wünschen im Bunde zu stehen — deren Beziehung zur Zensur deutlich sichtbar ist — wird zu einer Art ungezähmter Energie, bei der die erotische Dimension einem inneren Druck auf niedrigerem Niveau weicht. Dem Zurückgehaltenen bleibt kein anderer Weg, als sich durch sekundäre Entladung zu entleeren: Tränen, Alkoholismus, Bulimie, übermäßiges Rauchen, sexuelle Süchte, zwanghafte und unfruchtbare Tätigkeit — alles auf der Suche nach Beruhigung, die sich als sehr flüchtig erweist. Hinter dieser gesamten „neutralisierenden“ Degradierung lässt sich ein Effekt der Desobjektalisierung vermuten.
Nichts von all dem — weder Hemmung noch Symptom noch Angst — vermag, wie Freud treffend bemerkte, die Angst zu verhindern. Heute würden wir auch die Depression hinzufügen, weil beide einander unaufhörlich ablösen.
Fragen zum Artikel
01Warum beseitigen Abwehrmechanismen in André Greens Darstellung die Angst nicht immer?
Im zitierten psychoanalytischen Modell kann eine Abwehr inneren Druck verschieben oder ihm einen Ausgang geben, ohne die Konfliktquelle zu bearbeiten. Die Entlastung durch sekundäre Entladung bleibt daher vorläufig; Angst kann sich mit Depression abwechseln und zurückkehren.
02Was bezeichnet der Beitrag als sekundäre Entladung?
Gemeint sind Wege, inneren Druck kurzfristig durch Weinen, Substanzkonsum, Ess- oder Sexualverhalten oder zwanghafte Aktivität zu senken. Im Zitat sind dies Beispiele eines theoretischen Modells, keine allgemeingültige Erklärung für jedes solche Verhalten.
03Was bedeutet Desobjektalisierung im Kontext des Zitats?
In André Greens psychoanalytischem Vokabular bezeichnet sie die Schwächung oder Auflösung psychischer Objektbesetzung. Der Beitrag führt sie als Deutung neutralisierender Entleerung an, nicht als eigenständige Diagnose.
04Gibt der Beitrag Empfehlungen zur Diagnose oder Behandlung von Angst und Depression?
Nein. Es ist eine kurze theoretische Notiz zu Greens Buch. Anhaltende Angst, Depression, Abhängigkeit oder Essstörungen erfordern eine individuelle Abklärung durch qualifizierte Fachpersonen.
